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„Sich ent-schuldigen gehen“, was wörtlich bedeutet „sich selbst von der Schuld entlasten“, ist in sich selbst doch schon völlig absurd. Niemand, der jemand anderem etwas „angetan“ hat, kann sich selbst von seiner Tat wieder entlasten, indem er seinem Gegenüber die Hand reicht und das Wort Entschuldigung über die Lippen lässt.

Das „Opfer“ kann verzeihen, aber kein „Täter“ kann sich entschuldigen.

Eine Entschuldigung macht es nicht „wieder gut“. Eine Entschuldigung macht es nicht ungeschehen. Eine (erzwungene) Entschuldigung ist darum einfach nicht wertvoll.

Kinder können nicht dazu gezwungen werden, ihre Wut/Trauer/Aggression zu vergessen, indem wir sie drängen den Konflikt durch eine Entschuldigung zu beenden.

Beenden und Abschließen, ja, genau das ist doch das Anliegen von den Erwachsenen bei dieser Sache. Hauptsache Konflikten aus dem Weg gehen, oder möglichst schnell wieder begraben. Warum eigentlich? Weil den Eltern selbst die Situation unangenehm ist? Oder ist es die Angst davor, dass das Kind immer unsozialer wird, wenn es nicht bestimmte Verhaltensweisen von uns beigebracht bekommt?

Gefühle jeder Art sind wichtig und sollten immer toleriert und gesehen werden. Gefühle brauchen Zeit um sich zu verändern. Wir sollten die Gefühle unserer Kinder darum nie übergehen. Streiten sich zwei Kinder, dürfen sich diese auch mal für eine Weile „hassen“ und sich gegenseitig aus dem Weg gehen. Sie dürfen wütend, traurig und enttäuscht sein. Der Streit muss nicht sofort „bereinigt“ werden.

„Ja, aber wie sollen Kinder denn dann lernen welches Verhalten richtig und welches falsch ist?“ „Nur wenn man ihnen deutlich sagt, wie sie sich verhalten sollen, lernen sie doch ein richtiges Sozialverhalten„!? Das stimmt nicht! Durch aufgezwungene Verhaltensweisen, die oft schon rollenspielmäßig ablaufen, lernen Kinder kein Sozialverhalten. Sie lernen nur die Erwartungen und Befehle der Eltern auszuführen – ohne eigene verknüpfte Gefühle und Motivation. Durch ein solches Aufzwingen wird verhindert, dass Kinder nach ihrem inneren Gefühl handeln und durch selbst gemachte Erfahrungen lernen, wie komplex interaktives soziales Miteinander funktioniert. Ihre Gefühle werden einfach beiseite geschoben, der Konflikt wird (durch die Eltern) beendet und abgeschlossen. Dem Kind wird eine erwartete Verhaltensform aufgedrückt, wodurch ihm die Chance genommen wird echte Empathie für seine Mitmenschen zu entwickeln und vor allem auch aus eigenem Antrieb zu zeigen. Es lernt nur, dass wenn man sich entschuldigt ist alles wieder gut. Das ist es aber nicht! Wenn man Kinder lässt, können sie sehr empathisch sein, denn die Reaktion des Gegenübers/Streitpartners reicht oft schon aus um starke Mitgefühle unter Kindern auszulösen UND daraus zu lernen und in zukünftigen Situationen ein kleines bisschen reifer und vorausschauender zu handeln. Kein Kind macht absichtlich einen anderen Menschen unglücklich – deswegen sollten wir unsere Kinder nicht für ihr Verhalten schuldig sprechen. Vertrauen sollten wir ihnen schenken, Vertrauen in ihre Sozialkompetenz.

Eine Entschuldigung muss von Herzen kommen, um vom Opfer angenommen werden zu können. Verzeihen nennt man das dann!

„Und was ist mit dem Opfer? Die Entschuldigung ist doch „für“ das Opfer, damit es sich besser fühlt!?“ „Es ist doch total wichtig, dass wir unserem Kind deulich sagen und zeigen dass man so nicht mit anderen Menschen umgehen darf?!“ Nein, ist es nicht, denn was unterschiedliches Verhalten und Handeln auslöst, erkennen Kinder „von ganz alleine“. Durch Vorbild. Durch Nachahmung. Durch Erfahrung. Natürlich heißt das nicht, das du bei Konflikten wegschauen und dich gar nicht einmischen sollst. Aber sei zurückhaltend, mische dich nur ein wenn deine Hilfe wirklich notwendig ist. Du kannst dann zwischen den Kindern vermitteln, helfen, trösten, Bedürfnisse und Gefühle herausfinden und/oder spiegeln, deine Gefühle äußern, ggf. Schutz geben, usw… Sanktionen und Zwänge sind nicht hilfreich, sonden im Gegenteil; störend und verletzend. Und das meist für beide Parteien!

Kinder SIND sehr soziale Wesen, nur haben sie noch nicht gelernt mit ihren Gefühlen von klein auf so umzugehen, wie wir Erwachsenen es tun und erwarten. Kinder sind ehrlich. Erwachsene nicht. Erwachsene unterdrücken auch mal ihre Gefühle um „höflich“ zu sein und das Gegenüber nicht zu verletzen. Kinder tun dies nicht, sie lassen ihre Gefühle frei heraus. Und EIGENTLICH ist das doch eine sehr schöne Eigenart, oder nicht?

Wenn ein Kind haut/beißt/ärgert/o.ä. hat das IMMER einen berechtigten Grund. Dies soll nicht bedeuten, dass das Leiden des Gegenübers – des Opfers – heruntergespielt wird und „es selber Schuld hat“. Nein. Ich rede hier gar nicht von Schuld. Schuld ist sehr negativ behaftet. Wir sollten unser Handeln und das unserer Kinder nicht immer in „gut“ und „schlecht“ bewerten.

Fehler gehören zum Leben dazu und aus Diesen selbst lernen wir schließlich. Somit gelten solche Erlebnisse meiner Meinung nach nicht als Fehler im Sinne von „falsch“ und „schlecht“, sondern im Sinne von ERFAHRUNG – völlig wertfrei.

Für mich gibt es somit keine Fehler, für mich gibt es nur die Erfahrung. Zum Fehler machen ist das Leben schließlich viel zu kurz. Immer wenn du behauptest, dein Kind hätte falsch gehandelt, also einen Fehler gemacht, bedeutet dies doch, dass du ganz bestimmte Vorstellungen und Erwartungen hast, wie dein Kind zu handeln und zu sein hat.DSC_0009 (2)

Eine brenzlige Situation? Kind 1 will nicht das sich Kind 2 nähert. Wird Kind 2 dies akzeptieren? Wie reagiert Kind 1, wenn sich Kind 2 trotzdem nähert? Wie wird es weiter gehen? Kommt es zum Streit? Es gibt viele Möglichkeiten…

Das Leben ist ein riesiger interaktiver Spielplatz, den es zu erforschen und zu entdecken gilt!

Löse dich von deinen Erwartungen! Sieh dein Kind. Nicht seine Handlungen.

Warum nötigen viele Eltern ihre Kinder dazu, sich nach einem Streit bei „dem Opfer“ zu entschuldigen? Obwohl genau DAS doch das ist was BEIDE Seiten demütigt!? Das „Opfer-Kind“ möchte sich nicht noch einmal seinem Peiniger stellen und ihm sogar körperliche Berührung (Handschütteln) gewähren. Das Opfer möchte meist nur noch Abstand und Sicherheit, aber muss sich nun erzwungener Weise „noch einmal“ opfern. Das „Täter-Kind“ wird vor allen Anwesenden offen für schuldig gesprochen und dadurch als „der Böse“ dargestellt, was auch sehr unangenehm und belastend ist (und dazu führen kann, dass das Kind in eine feste „Täter-Rolle“ reinrutscht).

Wir sollten uns niemals gegen unser eigenes Kind stellen, ganz egal was es tut. Hinter einem Streit/Konflikt verbergen sich immer Gefühle und Bedürfnisse, die es heraus zu finden gilt. Unsere Liebe zu unseren Kindern darf nicht an Erwartungen und Bedingungen geknüpft sein.

Sieh dein Kind. Nicht nur seine Handlungen.

Wenn da bloß nicht die anderen Eltern wären…
Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen und ihnen selbst ist die Situation unangenehm und peinlich. Schließlich haben sie so ein freches Kind, so ein Rebell, sowas von unsozial…viele Eltern fühlen sich schuldig und verantwortlich, als wenn sie erzieherisch versagt hätten.

„Dieses Kind muss jetzt mal lernen, wie man sich richtig zu verhalten hat!“

Nein! Dein Kind ist ganz normal! Du bist nicht verantwortlich für die Gefühle der anderen Eltern. Du bist nicht dafür da andere Eltern zufrieden zu machen, indem du dich nach deren Erwartungen richtest. Du bist einzig und allein für deine eigenen Gefühle (und die deines Kindes) zuständig. Du bist die Vertrauensperson deines Kindes, sein bester Freund, sein sicherer Hafen. Befreie dich von Erwartungen Anderer und setze nicht die Beziehung zu deinem Kind aufs Spiel. Es ist nicht einfach sich gegen die geltenden Erziehungsformen zu entscheiden und dies auch noch offen vor anderen Eltern auszuleben. Bedenke jedoch, was dir wichtiger ist: die Beziehung zu deinem Kind, oder die Beziehung zu anderen Eltern? Mir ist Ersteres viel wichtiger! Und schon ganz bald wird ein solcher Umgang auf Augenhöhe für euch ganz normal werden, Übung macht den Meister. Und wer weiß, vielleicht staunen eines Tages andere Eltern, wie sozial dein Kind doch ist und fragen dich wie du das bloß geschafft hast!

Aber wie kann man sich denn stattdessen verhalten? Ganz einfach, höre auf dein Gefühl! Zeig Empathie! Siehst du beispielsweise, dass das andere Kind traurig ist, dann gib ihm Trost, falls die Situation dies zulässt. Sprich ruhig DEINE Gefühle aus, sag z.B. zu deinem Kind dass DU traurig bist, weil das andere Kind verletzt/traurig/ängstlich ist, wenn du das so auch wirklich fühlst. Sei ehrlich! Nimm dein Kind in die Arme und spiegele ihm ggf. die Gefühle des anderen Kindes. Es gibt keine genormte Handlungsvorgabe. Sei einfach du selbst, mit deinen eigenen Gefühlen die du auch ausdrücken darfst. Versuche herauszufinden was dein Kind braucht, was es belastet, wie du ihm helfen kannst. Ist es überfordert, überreizt, müde, hungrig, traurig,…?

Bist du wütend auf dein Kind, weil es sich „so schlimm“ verhalten hat? Wut ist eine Art Aggression und entsteht meist aus einer Traurigkeit heraus. Immer dann, wenn ein Mensch sich nicht sicher genug fühlt um seine Traurigkeit zu zeigen, wandelt sich dieses Gefühl in Aggression um. Bei uns großen Menschen genau so wie bei den kleinen Menschen.

Kinder lernen Sozialverhalten durch Beobachtung und durch Nachahmung und vor allem durch eigene Erfahrungen. Wenn du ein gutes Sozialverhalten vorlebst, kann dies nur positiven Einfluss auf dein Kind haben. Überlege mal ob du deinem Kind manchmal Gegenstände aus der Hand reißt, ob du es manchmal grob herumschubst/schiebst, ob du es immer öfter mal zu irgendetwas zwingst und ob du es auch mal anschreihst? Wenn ja, dann brauchst du dich nicht wundern, wenn dein Kind solches und ähnliches Verhalten ebenfalls gegenüber anderen Kindern anwendet.

Ich habe noch nie eines meiner Kinder dazu aufgefordert sich zu entschuldigen. Für mich würde sich das tatsächlich völlig falsch anfühlen. Ich empfinde es auch als sehr herablassend dem Opfer gegenüber, als ob alles mit einem Wort wieder gut gemacht und vergessen ist. Und genau so fühle ich mich auch, wenn ein anderes Kind zu meinem Kind geschickt wird, um sich bei ihm zu entschuldigen. Ich spüre genau, dass das eben überhaupt nichts wieder gut macht.

Vor kurzem musste sich ein kleiner ca. zweijähriger Junge bei meiner Tochter entschuldigen, weil er sie aus einem Spielhäuschen auf dem Spielplatz geschubst hat. Zehn Minuten später musste er ihr sogar noch quer über den Spielplatz ein Apfelstückchen als „Wieder-Gut-Machungs-Geschenk“ herüberbringen. Ist das nicht furchtbar? Zum einen, dass der kleine Junge keinerlei Empathie meiner Tochter gegenüber zeigte, sondern nur als verlängerte Arm seiner Mutter handelte und zum anderen das hier Gefühle und Bedürfnisse völlig übergangen werden und das sogar mittels materiellen Dingen (Apfel/Geschenk). Wenn du mit deinem Partner einen Streit hättest, würde ein Blumenstrauß bestimmt auch nichts ungeschehen oder besser machen. Im Gegenteil, du würdest dich wahrscheinlich in deinen Gefühlen erst recht nicht wahrgenommen und ernst genommen fühlen. Du würdest den Strauß nicht haben wollen, du würdest vielleicht (nach einiger Zeit) reden wollen und deine Gefühle darstellen wollen, um den Konflikt/Streit zu lösen. Nichts Materielles und kein Handschütteln, können einen solchen Konflikt beseitigen.

Wie fühlt ihr euch, wenn euer Kind in eine Situation gerät, in der nach gesellschaftlich üblicher Erziehungsweise erwartet wird, dass es sich entschuldigen geht? Fühlt es sich für euch auch so falsch an euer Kind dazu aufzufordern? Erzählt gerne von euren Erfahrungen und Gedanken im Kommentarbereich!

Viel Freude weiterhin mit euren Kindern,
Joy