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Geduldig sein ist oft nicht einfach.

Es ist sicherlich auch eine Typ-Frage. Die einen sind es von Natur aus mehr, als die anderen… aber eines ist sicher: in unserer schnelllebigen Welt, ist es oft nicht einfach geduldig mit den jungen Menschen innerhalb der Familie umzugehen. Es ist nun mal so, dass sie vieles noch nicht so “gut” und schnell können wie wir großen. Wir sehen dann oft das Ergebnis so nah und einfach gemacht vor unseren Augen und können es kaum erwarten, dass es endlich erledigt ist (und zwar bitte fehlerfrei und perfekt – denn so wurden wir schließlich erzogen) und man sich dann den nächsten To-Do’s zuwenden kann (denn die Liste ist lang und der Tag ist zu kurz… und Termine im Außen treiben uns zusätzlich auch noch an).

Doch für unsere jungen Menschen ist nicht das Ergebnis wichtig, sondern der Weg dahin. Sie wollen etwas tun, etwas machen, etwas bewirken. Den Prozess erleben und spüren!

 

Dinge selber tun (wollen):

Dinge selber tun, ohne die Einmischung von anderen und ohne Bewertung und Kontrolle und ohne dabei angetrieben zu werden. Das ist so unglaublich wichtig in den frühen Lebensjahren eines Menschen (nein, eigentlich für jeden Menschen. Denn auch wir erwachsenen empfinden es oft als störend, wenn sich jemand in unser Tun einmischt)!

  • Sich selber anziehen (auch, wenn es länger dauert und die Hose vielleicht falsch herum angezogen wird (was dem jungen Menschen übrigens oft ganz egal ist und auch so bleiben kann, ist doch echt egal ob die Taschen vorne oder hinten sind…)
  • Sich selber die Zähne putzen (auch, wenn dann vielleicht nicht jeder Zahn perfekt geputzt wurde – so kann die Freude an der Zahnpflege bewahrt werden)
  • Sich selber Wasser einschenken (auch, wenn dabei vielleicht – oder mit Sicherheit – gekleckert wird)
  • Selber essen lassen (auch wenn dabei gekleckert und rumgematscht wird und in unseren Augen Lebensmittel “verschwendet” werden. In der ersten Zeit der Beikost bedeutet Essen mehr als nur Nahrungsaufnahme).
  • Den jungen Menschen in seiner Kreativität frei lassen (auch wenn wir wissen, dass dieses oder jenes Bastel- oder Bau-Projekt eh nicht gelingen wird, weil es einfach nicht zu schaffen ist. Die Idee nicht durch Besserwisserei vermiesen.)
  • Den jungen Menschen beim Kochen das Gemüse selbstbestimmt schneiden lassen (auch wenn wir es besser und schneller können. Und das Ergebnis nicht korrigieren, denn es ist doch echt egal, ob die Möhrchenscheiben alle exakt gleich dick sind.)
  • Selber die Hände waschen lassen (auch wenn dies bedeutet, dass der Wasserhahn eine viertel Stunde lang (oder länger) läuft. Ja, Wasser ist eine wertvolle Ressource, aber dieses Gefühl, wie das fließende Wasser die Hände streichelt, darf ruhig ausgiebig erfahren und auch wiederholt werden. Ich glaube daran, dass es hierfür genügend Wasser auf der Welt gibt, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen).

 

Emotionen (aus)leben lassen:

Geduldig sein heißt aber auch, die wilden und lauten und vielleicht hektischen jungen Menschen, nicht bremsen, stoppen, oder beruhigen zu wollen. Geduld haben und Ruhe bewahren. Toleranz. Aushalten. Wild sein ist toll. Großartig. Sich frei fühlen ist wunderbar. Gefühle ausleben lassen. Emotionen leben lassen.

Auch dann geduldig sein, wenn Gefühle wie Traurigkeit, Wut, oder Aggression gezeigt werden. Diese nicht beenden wollen. Ausleben lassen. Auffangen und Reden. Dabei kommt es auf das “Wie” an. Gefühle ernst nehmen. Alle Arten von Gefühlen sind es wert beachtet zu werden und dürfen sein.

 

Für die Entwicklung des Selbstbewusstseins:

Wenn wir als Eltern geduldig sind, dann gibt dies den jungen Menschen die Freiheit und den Raum, Dinge ausgiebiger und intensiver zu erleben und zu erfahren. Sie werden nicht ständig korrigiert und bewertet und verbessert – was ihnen schließlich das Gefühl geben würde nicht ausreichend zu sein.

Etwas mit Perfektion meistern zu wollen, ist ein ganz natürliches Ziel. Dieses müssen wir nicht anerziehen!

Wenn die jungen Menschen einfach sein dürfen. So wie sie sind. Mit ihrer “Unperfektheit”. Und sie als “schwächeres Mitglied” im Familienclan, trotzdem voll angenommen und wertgeschätzt werden, gibt ihnen dies ein Gefühl der bedingungslosen Wertschätzung, wodurch das Selbstbewusstsein immer mehr wachsen kann (bzw. gar nicht erst zunichte gemacht wird und sich somit natürlich und frei entfalten kann). Denn sie fühlen sich in ihrem Tun und ihrem Lernen nicht gehemmt, da sie nicht kritisiert und bewertet werden. Sie dürfen Fehler machen. Sie dürfen etwas “schlechter” machen. Und trotzdem ist es gut was sie tun. Und ausreichend! Wertvoll!

  • “Gib mir mal die Flasche, ich schenk dir das Wasser ein, damit nichts daneben geht.”
  • “Komm, gib mal deine Füße her, ich ziehe dir jetzt die Schuhe an, wir müssen jetzt los!”
  • “Mach mal langsam! So hektisch wie du bist, klappt das nie!”

Wie fühlen sich solche und ähnliche Aussagen wohl für den Betroffenen an?
Es muss nicht alles perfekt sein!

Im ganz eigenen Tempo lernen. Natürlicher Weise. Ohne Hemmung und Antrieb.

 

Sich Zeit nehmen:

Nicht alles vorweg nehmen wollen. Zurückhaltend sein. Auch wenn wir es besser und schneller können.

Erfahrungen machen lassen! Etwas zutrauen.
Kompetenz natürlich wachsen lassen.

Sich Zeit nehmen bedeutet auch, den jungen Menschen noch dies und jenes tun zu lassen. Nicht unterbrechen, wenn es nicht sein muss. Nicht antreiben. Unsere Termine sind unsere, nicht die der kleinen Menschen. Sie müssen sich anpassen – aber wir können ihnen entgegenkommen. Oder umgekehrt? Egal wie rum: Wir können es akzeptieren, dass sie noch Ideen haben, oder noch nicht fertig sind mit dem was sie tun (z.B. spielen, was in unseren Augen doch jederzeit sofort zu Ende sein kann, aber das ist schließlich nur unsere Sichtweise). Sich Zeit nehmen für Ideen und Wünsche, auch wenn es in unseren Augen nicht wichtig erscheint.

Sich Zeit nehmen, bedeutet auch taktlose Übergiffigkeit zu vermeiden. Denn ungefragtes Helfen, führt oft eine große Traurigkeit herbei.

“Ich wollte das selber machen!”

Der junge Mensch fühlt sich völlig überrumpelt und ist in seinem Selbstwert geknickt (“sehe ich so hilfsbedürftig aus?”). Etwas vorweg genommen zu bekommen, wenn man gerade dabei ist etwas zu schaffen, etwas zu lernen, etwas zu machen,…. und dann kommt da jemand ungefragt herbei und macht das mal eben schnell… und dann ist das (Erlebnis) weg(geschnappt), erledigt, für immer. Wie fühlt sich das wohl an?

 

Helfen, wenn Hilfe gewünscht ist:

Wenn der Wunsch da ist! Ohne den jungen Menschen dabei zu überrumpeln und zu übergehen. Auch dann, wenn die Sache eigentlich schon gut selber gekonnt wird. Trotzdem nicht zögern zu helfen. Denn einander Helfen bereitet Freude und bedeutet Nähe und Fürsorge. Liebe!

Nichts erwarten!

Nicht erwarten, dass Dinge die schon gelernt wurden immer selbständig erledigt werden. Für den jungen Menschen geht es nicht so sehr um das Ergebnis, sondern um das Erlebnis bis dahin. Um die gelebte Nähe und um die Fürsorge die er genießt.

Nicht genervt sein, weil man doch die (verschenkte) Zeit so gut für etwas anderes verwenden könnte. Sondern sich daran erfreuen, dass der kleine Mensch unsere Hilfe, Fürsorge und Nähe liebt (und einfordert).

Auch dies ist eine Form von Geduld!

 

Jeder Mensch ist ein Mensch:

Ganz egal, ob klein oder groß, ob jung oder alt.

Alle Familienmitglieder wollen als vollwertige Mitglieder in der Familie wahrgenommen und angenommen werden und sich frei bewegen können. Ohne kontrolliert zu werden (ob man auch alles richtig macht) und ohne jedes Tun auf die Waage zu legen.

Geduldig sein mit seinen Mitmenschen, heißt auch geduldig zu sein mit sich selber! Kurz bevor die Hektik und Ungeduld auszubrechen droht, einen Schritt zurücktreten, tief durchatmen und sich zurücklehnen.

Was auch immer es ist. Es hat (meistens) Zeit!

Wir müssen nicht alles perfekt machen. In unserer schnelllebigen Welt ist es oft nicht einfach geduldig zu sein, denn wir wurden schließlich zu Fleiß und Schnelligkeit erzogen. Aber ist das wirklich notwendig für ein Leben – um dieses zu genießen?

Ja, genießen.

Zeit (er)leben. Nicht Ergebnisse (erwarten).

 

Liebe Grüße!
und enJOY your family!